Erdbeben Deutschland 2026 — Guide & Checkliste
Wo bebt die Erde in Deutschland? Wie verhalten Sie sich richtig? Und welche Vorsorge schützt Ihre Familie wirklich?
Aus Gesprächen mit Familien im Rheingraben: Die Erdbebengefahr wird in Deutschland meist unterschätzt — nicht weil die Beben häufig sind, sondern weil Gebäude und Infrastruktur anders gebaut sind als in Erdbebenländern. Vorsorge ist deshalb leise anders.
84 Erdbeben pro Jahr registriert die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) im Durchschnitt in Deutschland. Die meisten bleiben unter der Wahrnehmungsschwelle. Einige sind spürbar. Wenige verursachen Schäden. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Das Basler Erdbeben von 1356, mit geschätzter Magnitude 6,5 eines der stärksten jemals in Mitteleuropa dokumentierten Beben, zerstörte eine komplette Stadt. Die Region rund um den Oberrheingraben ist heute dichter besiedelt als je zuvor.
Zwischen November 2025 und Januar 2026 erschütterte ein massiver Erdbebenschwarm das Vogtland an der deutsch-tschechischen Grenze. Am 11. Dezember 2025 registrierten Seismologen im Schnitt vier Beben pro Minute, rund 3.000 Einzelereignisse allein am Vormittag. Am Neujahrstag 2026 erreichten zwei Beben Magnituden von 3,2 und 3,1. Solche Ereignisse machen klar: Deutschland ist kein erdbebenfreies Land. Vorbereitung auf den Ernstfall ist keine Panikmache, sondern rationale Vorsorge.
Dieser Ratgeber fasst alles zusammen, was Sie als Bewohnerin oder Bewohner einer deutschen Erdbebenregion wissen sollten: Wo die Gefahrenzonen liegen, wie Sie sich während eines Bebens verhalten, was danach zu tun ist und wie Sie Ihre Wohnung, Ihre Familie und Ihre Dokumente rechtzeitig sichern.
1. Erdbeben-Risikogebiete in Deutschland
Das Erdbebengefährdungsmodell Deutschland (EGM-DE) der BGR klassifiziert die Bundesrepublik in verschiedene Gefährdungszonen. Die Karte basiert auf historischen Erdbebendaten, tektonischer Struktur und Bodenbeschaffenheit. Vier Regionen stechen heraus: der Oberrheingraben, die Kölner Bucht mit dem Niederrhein, die Schwäbische Alb und das Vogtland.
| Region | Gefährdung | Betroffene Gebiete | Max. historische Magnitude |
|---|---|---|---|
| Oberrheingraben | Hoch | Freiburg, Karlsruhe, Mainz, Basel-Region | ~6,5 (Basel 1356) |
| Kölner Bucht / Niederrhein | Mittel-hoch | Köln, Düsseldorf, Aachen, Roermond | 5,9 (Roermond 1992) |
| Schwäbische Alb | Mittel | Albstadt, Münsingen, Tübingen | 5,7 (Albstadt 1978) |
| Vogtland / Erzgebirge | Mittel | Plauen, Klingenthal, Hof | 4,9 (Vogtland 2000) |
| Norddeutschland | Gering | Hamburg, Berlin, Bremen, Hannover | < 4,0 |
Wo steht Ihr Haus? BGR-Karte nutzen
Die BGR-Erdbebengefährdungskarte ist kostenlos online verfügbar unter bgr.bund.de. Dort können Sie Ihre Postleitzahl eingeben und die Gefährdungszone Ihres Wohnorts einsehen. Das GFZ Potsdam bietet unter gfz.de eine Zuordnung Ihrer Adresse zur Erdbebenzone nach DIN EN 1998-1. Ergänzend bieten Landesumweltämter (z.B. LUBW in Baden-Württemberg, LANUV in NRW) regionale Detailkarten an.
Oberrheingraben — die aktivste Erdbebenzone Deutschlands
Der Oberrheingraben erstreckt sich von Basel bis Frankfurt entlang des Rheins. Diese rund 300 Kilometer lange kontinentale Riftzone entstand, weil die Erdkruste hier langsam auseinanderzieht. Die Dehnungsrate beträgt laut GFZ Potsdam etwa 0,5 bis 1 Millimeter pro Jahr. Klingt wenig? Die Energie, die sich dabei über Jahrzehnte aufstaut, reicht für Beben der Magnitude 6 und höher.
Im Jahr 2025 registrierte der Hessische Erdbebendienst (HED) insgesamt 130 natürliche seismische Ereignisse in Hessen, ein Großteil davon im Bereich des Oberrheingrabens und des Taunus. Das stärkste hessische Beben des Jahres 2025 ereignete sich am 24. Oktober bei Taunusstein mit einer Lokalmagnitude von 2,6. Im Vorjahr 2024 war die Aktivität ungewöhnlich hoch: Über 352 Beben allein westlich von Bad Schwalbach, dreimal mehr als im langjährigen Mittel.
Bekannte historische Beben im und am Oberrheingraben:
- 1356 Basel: Magnitude ~6,5 — eines der stärksten historischen Beben Mitteleuropas, Basel fast vollständig zerstört
- 1756 Düren: Magnitude ~5,5 — schwere Schäden in der Niederrheinischen Bucht
- 1978 Albstadt: Magnitude 5,7 — erhebliche Gebäudeschäden auf der Schwäbischen Alb, keine Todesopfer
- 2004 Waldkirch: Magnitude 5,4 — im gesamten Südwesten spürbar
- 2021 Rülzheim (Pfalz): Magnitude 4,2 — in weiten Teilen Südwestdeutschlands wahrnehmbar
Kölner Bucht und Niederrhein
Die Region um Köln, Düsseldorf und Aachen liegt auf einem eigenen tektonischen Störungssystem: der Niederrheinischen Bucht. Hier dehnt sich die Erdkruste ähnlich wie am Oberrheingraben. Der Peelrand-Sprung, eine rund 100 Kilometer lange Verwerfungslinie, war 1992 der Auslöser für das Roermonder Beben (Magnitude 5,9). Es war das stärkste Beben in Nordwesteuropa seit dem Dürener Beben 1756.
Die Schäden von Roermond 1992 lagen allein auf deutscher Seite bei über 150 Millionen DM. Im Raum Heinsberg erlitten mehr als 150 Häuser Beschädigungen, einige so schwer, dass Abriss nötig wurde. Selbst der Kölner Dom und der Aachener Dom trugen Schäden davon. In Nordrhein-Westfalen verletzten sich 30 Menschen, vor allem durch herabfallende Dachziegel.
Das BBK hat für die Niederrheinische Bucht ein Szenario gerechnet, bei dem ein Beben der Magnitude 6,5 rund drei Millionen Menschen betreffen würde. Die betroffene Region umfasst Köln, Düsseldorf, Aachen und große Teile des Ruhrgebiets. Dieses Szenario gilt als das folgenreichste realistische Erdbebenszenario in Deutschland.
Schwäbische Alb — tektonisch aktive Hochebene
Die Schwäbische Alb um Albstadt, Münsingen und Tübingen ist die dritte bedeutende Erdbebenregion Deutschlands. Die Albstadt-Beben von 1911 (Magnitude 6,1) und 1978 (Magnitude 5,7) verursachten erhebliche Gebäudeschäden. Das Beben von 1978 führte dazu, dass die erste deutsche Erdbebennorm (DIN 4149) in der Baupraxis konsequenter angewendet wurde. Bis heute treten auf der Schwäbischen Alb regelmäßig kleinere Beben auf, mehrere pro Jahr im Bereich Magnitude 2 bis 3.
Vogtland — Schwarmerbeben als Besonderheit
Das Vogtland (Sachsen/Thüringen/Böhmen) ist weltweit eine der bekanntesten Regionen für Schwarmerbeben: Hunderte bis Tausende kleiner Beben in kurzer Abfolge, ausgelöst durch aufsteigendes magmatisches CO₂ entlang tiefer Störungszonen. Die Ursache erforscht aktuell das internationale Projekt ELISE (Eger Large Seismic Experiment) mit rund 300 temporären Seismometern auf einem 100 mal 100 Kilometer großen Areal.
Der Schwarm 2024/2025 war der längste in 60 Jahren dokumentierter Vogtland-Seismologie. Ab März 2024 zeichneten Instrumente rund 692 Beben bei Klingenthal auf. Im November 2025 startete eine neue Schwarmphase nahe Luby (Tschechien) an der sächsischen Grenze. Am 11. Dezember 2025 lag die Bebensrate bei vier pro Minute, etwa 3.000 Ereignisse allein am Vormittag. Die zwei stärksten Beben erreichten Magnitude 3,2 und 3,1 am 1. Januar 2026. Gebäude wurden nicht beschädigt, doch die Erschütterungen waren in Klingenthal, Falkenstein und Ellefeld deutlich spürbar.
2. Erdbebenzonen nach DIN EN 1998-1 (Eurocode 8)
Deutschland teilt sein Gebiet in vier Erdbebenzonen ein: Zone 0 (geringe oder keine Gefährdung), Zone 1, Zone 2 und Zone 3 (höchste Gefährdung). Die Zuordnung bestimmt, welche Bauvorschriften für Neubauten gelten. Grundlage ist der nationale Anhang DIN EN 1998-1/NA, der den alten Standard DIN 4149 vollständig ersetzt hat.
| Erdbebenzone | Intensität (EMS-98) | Typische PLZ-Bereiche | Beispielstädte |
|---|---|---|---|
| Zone 3 (höchste Stufe) | VII bis VIII | PLZ 52..., 72..., 79... | Aachen, Albstadt, Lörrach, Freiburg |
| Zone 2 | VII | PLZ 53..., 88... | Bonn, Ravensburg, Konstanz |
| Zone 1 | VI bis VII | PLZ 67..., 87..., 56..., 47..., 86... | Ludwigshafen, Kempten, Koblenz, Duisburg |
| Zone 0 | < VI | Alle übrigen Gebiete | Berlin, Hamburg, München, Dresden |
Der nationale Anhang wurde 2021 mit neuen Erdbebenkarten aktualisiert (DIN EN 1998-1/NA:2021). Im November 2023 erschien eine weitere Fassung (DIN EN 1998-1/NA:2023-11), die erstmals Spektralbeschleunigungen statt pauschaler Zonenzuordnungen verwendet. Für Bauherren in den Zonen 1 bis 3 bedeutet das: Der Statiker muss nachweisen, dass das Gebäude den erwarteten Beschleunigungen standhält.
Postleitzahl eingeben, Zone erfahren
Das GFZ Potsdam bietet unter gfz.de/din4149-erdbebenzonenabfrage ein kostenloses Tool, mit dem Sie die Erdbebenzone Ihres Wohnorts per Postleitzahl abfragen können. Die Abfrage dauert wenige Sekunden und zeigt sowohl die Zone nach alter DIN 4149 als auch nach aktuellem Eurocode 8.
3. Verhalten während eines Erdbebens
Die meisten Verletzungen bei Erdbeben entstehen nicht durch einstürzende Gebäude, sondern durch stürzende Einrichtungsgegenstände und panikartige Fluchtversuche. Das richtige Verhalten empfehlen Erdbebenzentren weltweit und auch das BBK: Drop, Cover, Hold On.
1
DROP
Sofort auf Hände und Knie fallen. So können Sie sich besser schützen und werden nicht umgeworfen.
2
COVER
Unter einem stabilen Tisch oder Bett in Deckung gehen. Kopf und Nacken mit den Armen schützen.
3
HOLD ON
Festhalten und bleiben bis das Schütteln aufhört. Erschütterungen dauern meist 10 bis 60 Sekunden.
Situation: Im Freien
- ✓Von Gebäuden, Mauern, Stromleitungen und Bäumen wegbewegen
- ✓Auf freiem Gelände hinknien, Kopf mit Armen schützen
- ✓Nicht in Gebäude laufen — Fassadenteile und Glas können fallen
- ✓Im Auto: Anhalten (nicht unter Brücken), Warnblinker an, im Auto bleiben
Situation: Im Büro / Hochhaus
- ✓Unter Schreibtisch oder stabilen Tisch gehen — vom Fenster fernbleiben
- ✓Keinen Aufzug nutzen (weder während noch nach dem Beben)
- ✓Nach dem Beben geordnet über Treppen evakuieren — kein Gedränge
Situation: Nachts im Bett
Nachts im Schlaf erwischt ein Erdbeben die meisten Menschen unvorbereitet. Bleiben Sie im Bett, ziehen Sie die Decke über Kopf und Nacken. Treten Sie nicht barfuß auf den Boden: Glasscherben von zerbrochenen Fenstern und Spiegeln sind eine der häufigsten Verletzungsursachen. Halten Sie daher feste Schuhe und eine Taschenlampe direkt neben dem Bett bereit.
Der Türrahmen-Mythos — bitte ignorieren
Der veraltete Rat, sich bei Erdbeben in einen Türrahmen zu stellen, ist in modernen Gebäuden falsch und gefährlich. Türrahmen bieten keinen besonderen Schutz — sie sind im Zweifel genauso einsturzgefährdet wie der Rest des Raums. Sie stehen dort ungeschützt vor umherfallenden Gegenständen. Richtig: Drop, Cover, Hold On unter stabilen Möbeln.
4. Was nach einem Erdbeben zu tun ist
Nach einem Hauptbeben folgen fast immer Nachbeben. Diese können erheblich stark sein und geschwächte Strukturen zum Einsturz bringen. Beim Roermonder Beben 1992 traten noch Wochen nach dem Hauptereignis spürbare Nachbeben auf. Auch wenn das erste Beben vorbei ist: Wachsamkeit bleibt überlebenswichtig.
Verletzungen prüfen und Erste Hilfe leisten
Sich selbst und andere auf Verletzungen untersuchen. Erste Hilfe leisten, Notruf 112 wählen. Schwer Verletzte nicht bewegen, außer es droht unmittelbare Gefahr (Feuer, Einsturzgefahr).
Gas und Strom abschalten
Bei Gasgeruch: sofort Gebäude verlassen, Türen offen lassen, Gashahn schließen, keine Schalter betätigen (Funken!), Feuerwehr 112 anrufen. Sicherungskasten ausschalten wenn Kabelschäden sichtbar. Gas- und Wasserleitungsbrüche waren beim Roermonder Beben eine der Hauptschadensursachen.
Gebäude auf Schäden prüfen
Risse in Mauern und Decken, hängende Deckenteile, gebrochene Leitungen, Risse in Fundamenten prüfen. Im Zweifel Gebäude verlassen und draußen auf Experten warten. Beschädigte Gebäude nicht betreten. Schornsteine prüfen: Beim Albstadt-Beben 1978 waren Schornsteinschäden die häufigste Schadensart.
Informationen einholen
NINA-App des BBK nutzen, Kurbelradio einschalten (DAB+, UKW), Notfallnummern der Behörden abhören. Soziale Medien nur für offizielle Meldungen verwenden. Mehr zu Kommunikation im Krisenfall finden Sie in unserem Ratgeber Kommunikation ohne Strom.
Telefon sparsam nutzen
Mobilfunknetze sind nach einem Erdbeben schnell überlastet. Nur für Notfälle telefonieren. Für Statusmeldungen lieber SMS oder Messenger-Nachricht senden, das verbraucht weniger Netzkapazität.
Nachbeben einplanen
Rechnen Sie mit Nachbeben in den Stunden und Tagen nach dem Hauptbeben. Halten Sie sich von beschädigten Gebäuden fern. Bereiten Sie Ihr Notgepäck vor, falls eine Evakuierung nötig wird. Überprüfen Sie in den ersten 24 Stunden regelmäßig die Meldungen der NINA-App.
Eingeschlossen unter Trümmern — was tun?
Ruhig bleiben und Energie sparen. Regelmäßig gegen Rohre oder Wände klopfen — Rettungskräfte nutzen akustische Suchgeräte. Schreien nur wenn Rettungskräfte hörbar sind (Staub einatmen!). Mund mit Kleidung bedecken. Notruf 112 wenn möglich. Nicht anzünden — Gaslecks möglich. Nicht unnötig bewegen.
5. Wohnung erdbebensicher einrichten
Erdbeben kündigen sich nicht an. Wer in einer der vier Erdbebenregionen Deutschlands lebt, sollte seine Wohnung vorbereiten, bevor die Erde bebt. Die gute Nachricht: Viele Maßnahmen kosten wenig und brauchen nur einen Nachmittag.
Laut BBK-Ratgeber sind die häufigsten Verletzungsursachen bei moderaten Beben (Magnitude 4 bis 5) umstürzende Möbel, herunterfallende Regalgegenstände und splitterndes Glas. Genau diese Risiken lassen sich mit einfachen Mitteln reduzieren.
Hohe Priorität
- ✓Regale und Schränke an der Wand fixieren (Winkelschrauben, Wanddübel). Freistehende Billy-Regale kippen schon bei Magnitude 4.
- ✓Schwere Objekte tief lagern: Bücher, Kochgeschirr, Werkzeug in unteren Regalbrettern. Ein 5-Kilogramm-Topf aus 1,80 Meter Höhe schlägt mit der Wucht eines Faustschlags auf.
- ✓Wasserheizer und Boiler mit Wandhalterungen sichern. Ein 80-Liter-Boiler wiegt gefüllt über 80 Kilogramm.
- ✓Gashahn-Standort kennen und Abschalten üben. Im Erdbebenfall kann ein Gasleck Brände auslösen.
- ✓Sicherungskasten — Standort kennen, Ausschalten üben
Mittlere Priorität
- →Bilder und Spiegel mit geschlossenen Haken befestigen, nicht nur aufhängen. Splitterfolie auf großflächigen Spiegeln reduziert die Verletzungsgefahr.
- →Chemikalien und Reinigungsmittel in verschlossenen Schränken lagern, mit kindersicheren Riegeln
- →Feuerlöscher bereithalten — Erdbeben können Brände auslösen. Ein 6-Kilogramm-Pulverlöscher (ABC) reicht für die meisten Wohnungsbrände.
- →Bett positionieren: Nicht unter Dachbalken, schweren Deckenleuchten oder großen Wandregalen
- →Notausgang-Plan: Welcher Weg ist im Dunkeln sicher aus dem Gebäude? Taschenlampe am Bett, leuchtende Markierungen am Fluchtweg.
Mehr Tipps zur sicheren Einrichtung finden Sie in unserem Ratgeber Krisenvorsorge in der Wohnung.
15-Minuten-Schnellcheck für Ihre Wohnung
Gehen Sie jetzt durch Ihre Wohnung und prüfen Sie drei Dinge: (1) Stehen schwere Regale frei ohne Wandbefestigung? (2) Lagern schwere Objekte in Augenhöhe oder höher? (3) Wissen Sie, wo der Gashahn ist? Diese drei Punkte in einer Viertelstunde abzuarbeiten kann im Ernstfall Verletzungen verhindern.
6. Notgepäck und Krisenvorsorge für den Erdbebenfall
Nach einem starken Beben kann das Gebäude evakuiert werden müssen, manchmal für Tage. Ein vorbereiteter Notfallrucksack ermöglicht schnelles Handeln ohne Zeitdruck. Das BBK empfiehlt in seinem Ratgeber „Vorsorge für den Katastrophenfall" einen Vorrat für mindestens 72 Stunden.
Speziell im Erdbebenfall gelten Besonderheiten gegenüber anderen Krisenszenarien: Wasser- und Stromleitungen können tagelang unterbrochen sein. Straßen können durch Trümmer blockiert sein. Und die Rückkehr in die Wohnung ist erst möglich, wenn Statiker die Gebäudesicherheit bestätigt haben.
Dokumente (wasserdichte Hülle)
- Personalausweis, Reisepass
- Krankenversicherungskarte
- Versicherungspolice (Gebäude, Hausrat, Elementar)
- Grundbuchauszug / Mietvertrag
- Fotos des Hausrats (Versicherungsnachweis)
- Notfallkontakte auf Papier
- USB-Stick mit digitalen Kopien aller Dokumente
Gesundheit
- Erste-Hilfe-Set (min. DIN 13164)
- Persönliche Medikamente (7 Tage)
- Brille / Kontaktlinsen (Ersatzbrille!)
- Hygiene-Set in wasserdichter Tasche
- Rettungsfolie (Schock, Kälte)
- FFP2-Masken (Staubschutz nach Beben)
Ausrüstung
- Taschenlampe + Ersatzbatterien
- Kurbelradio (NINA-App-Ersatz)
- Handy + Powerbank + Ladekabel
- Bargeld (Kleingeld, min. 100 Euro)
- Pfeife (Trümmer-Signal für Rettungskräfte)
- Arbeitshandschuhe (Trümmerarbeit, Glasscherben)
- Mehrzweckwerkzeug / Multitool
Versorgung
- Trinkwasser 2 L pro Person pro Tag (min. 3 Tage)
- Notration (Riegel, Konserven, Crackers)
- Kleidung (3 Tage, wetterfest)
- Feste Schuhe (Glasscherben, Trümmer)
- Schlafsack oder Wolldecke
- Müllbeutel (Hygiene, Regenschutz, Nottoilette)
Detaillierte Checklisten für jeden Bereich finden Sie auf unserer Krisenvorsorge-Checkliste. Für die Trinkwasserversorgung im Krisenfall empfehlen wir unseren Ratgeber Wasserfilter im Krisenfall.
Feste Schuhe = Priorität Nr. 1
Nach einem Erdbeben liegt überall Glas, Trümmer und scharfkantiger Schutt. Feste, möglichst knöchelhohe Schuhe sollten neben dem Bett stehen, nicht im Keller oder Schrank. In einer Erdbebennacht kommen Sie nicht erst zum Schrank, sondern müssen sofort handeln.
7. Erste Hilfe nach dem Beben
Bei einem Erdbeben können Rettungskräfte zeitverzögert eintreffen, besonders wenn viele Gebäude gleichzeitig betroffen sind. In der Risikoanalyse des Bundes für ein Erdbeben in der Niederrheinischen Bucht (Bundestags-Drucksache 17/12051) rechnet das BBK mit massiven Engpässen bei Rettungsdienst und Krankenhäusern. Grundkenntnisse in Erster Hilfe können in diesen Stunden den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.
Typische Verletzungsbilder nach Erdbeben
- →Schnittverletzungen durch Glas und scharfe Trümmer — Verbandmaterial, Druckverbände
- →Prellungen und Knochenbrüche durch stürzende Objekte — Ruhigstellen, Notruf
- →Schockzustand durch Erschrecken — Rettungsfolie, Wärme, Beruhigung
- →Stauballergie und Atemprobleme durch Feinstaub — feuchtes Tuch oder FFP2-Maske vor Mund und Nase
- →Quetschverletzungen (Crush-Syndrom) bei eingeklemmten Personen — keinesfalls ohne Notarzt befreien
- →Verbrennungen durch ausgelöste Brände — Abdecken, kühlen mit Wasser
Ein professionelles Erste-Hilfe-Set sollte in jedem Haushalt vorhanden sein. Für Haushalte in Erdbebenregionen empfehlen wir ein erweitertes Set mit Druckverband und Rettungsfolie:

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8. Gebäude und Erdbebensicherheit in Deutschland
In Deutschland müssen Neubauten in den Erdbebenzonen 1 bis 3 nach der Norm DIN EN 1998-1 (Eurocode 8) errichtet werden. Der nationale Anhang definiert für jede Zone die zulässigen Beschleunigungswerte und damit die erforderliche Bauweise. Das gibt Sicherheit, doch es gibt wichtige Einschränkungen.
Die erste explizite Erdbebennorm für Deutschland war die DIN 4149 von 1981, eingeführt nach den Albstadt-Beben. Gebäude, die vor 1981 errichtet wurden, erfüllen diese Anforderungen meist nicht. In der Erdbebenzone 3 (Aachen, Albstadt, Lörrach) bedeutet das: Zigtausende Altbauten stehen ohne jede seismische Auslegung.
| Gebäudetyp | Erdbebensicherheit | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Neubau ab ca. 1985 (Risikozone) | Gut bis sehr gut | Nach Erdbebennorm geplant und gebaut |
| Massivbau 1960 bis 1985 | Mittel | Statisch robust, aber ohne seismische Planung |
| Gründerzeitbau (vor 1920) | Mittel bis gering | Massiv, aber nicht erdbebenertüchtigt. Hohe Decken und schwere Stuckdecken können bei Beben herabfallen. |
| Fachwerkbau | Relativ gut | Flexibles Gefüge absorbiert Erschütterungen besser als steifer Mauerwerksban |
| Holzriegelbau / Holzrahmenbau | Gut | Leicht und flexibel — weltweit erdbebenresistenteste Bauform. In Japan und Kalifornien Standardbauweise. |
| Unbewehrter Mauerwerksbau | Gering | Häufig in Altbauten vor 1960. Höchste Schadensanfälligkeit bei Erdbeben. |
Untergrundklassen und Standorteffekte
Die Erdbebennorm unterscheidet verschiedene Untergrundklassen (A bis E). Weicher Untergrund (z.B. Flussauen, aufgeschütteter Boden) verstärkt Erdbebenwellen erheblich. In Teilen des Oberrheingrabens liegen Städte auf mächtigen Sedimentschichten, die seismische Wellen wie ein Verstärker bündeln können. Der Landeserdbebendienst Baden-Württemberg (LED-BW) veröffentlicht geologische Karten, die diese Standorteffekte für einzelne Gemeinden darstellen.
Altbau in Risikozone — was tun?
Eigentümer von Altbauten (vor 1960) in den Erdbebenzonen 1 bis 3 sollten einen Statiker mit Erdbebenkenntnissen konsultieren. Manchmal reichen einfache Maßnahmen: Verankerung von Fundamenten, Einbau von Ringbalken, Verstärkung von Mauerwerksverbindungen. KfW-Programme können unter Umständen bei der Finanzierung helfen. Mieter sollten den Vermieter ansprechen und auf die Risikozone hinweisen.
9. Erdbeben und Versicherung: Elementarschadenversicherung
Die reguläre Wohngebäudeversicherung deckt Erdbebenschäden nicht ab. Wer finanziellen Schutz gegen Erdbeben will, braucht eine Elementarschadenversicherung als Zusatzbaustein zur Wohngebäude- oder Hausratversicherung. Dieser Baustein schützt auch gegen Hochwasser, Starkregen, Erdrutsch, Schneelast und Lawinen.
Wie viele Deutsche sind versichert?
Laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) verfügen nur rund 50 % der Wohngebäude in Deutschland über eine Elementarschadenversicherung. In besonders gefährdeten Erdbebenregionen wie dem Oberrheingraben liegt die Quote etwas höher, doch eine vollständige Abdeckung fehlt.
Kommt die Pflichtversicherung?
Seit den Hochwasserkatastrophen 2021 (Ahrtal) diskutiert die Bundesregierung eine verpflichtende Elementarschadenversicherung für alle Wohngebäude. Die politische Einigung steht weiterhin aus (Stand: April 2026). Der GDV rechnet damit, dass 2026 das parlamentarische Verfahren beginnt, zunächst mit Eckpunkten im Kabinett, später mit einem konkreten Gesetzentwurf. Eine Civey-Umfrage zeigt: 62 % der Bevölkerung und 72 % der Immobilieneigentümer befürworten die Pflicht.
Jetzt handeln, nicht auf die Pflicht warten
Unabhängig von der politischen Debatte: Prüfen Sie jetzt, ob Ihre Wohngebäude- und Hausratversicherung den Baustein Elementarschäden enthält. Viele Versicherer bieten den Baustein für 50 bis 150 Euro Jahresaufschlag an. Nach einem Schadenereignis erhöhen Versicherer die Prämien oder lehnen Neuanträge ab.
10. Induzierte Erdbeben: Geothermie, Bergbau, Gasförderung
Nicht jedes Erdbeben in Deutschland hat tektonische Ursachen. Sogenannte induzierte Seismizität wird durch menschliche Aktivitäten ausgelöst: Bergbau, Geothermie-Bohrungen, Gasförderung und Stauseen. In bestimmten Regionen Deutschlands übersteigt die Zahl der induzierten Beben die der natürlichen.
Bergbau: Ruhrgebiet und Saarland
Jahrzehntelanger Steinkohlebergbau im Saarland und Ruhrgebiet hat regelmäßig Beben ausgelöst. Im Saarland erreichten bergbauinduzierte Beben Magnituden bis 4,0, im historischen Salzbergbau sogar bis 5,0. Seit dem Ende des aktiven Steinkohleabbaus (letzte Zeche 2018) geht die induzierte Seismizität zurück, kann aber durch das Ansteigen von Grubenwasser erneut aufflackern.
Geothermie: Landau und Staufen
Das Geothermiekraftwerk Landau in der Pfalz löste im August 2009 ein Beben der Magnitude 2,7 aus. Ursache war die Re-Injektion von Thermalwasser in den Untergrund. Im Vergleich zu natürlichen Beben am Oberrheingraben war das Ereignis schwach, sorgte aber für erhebliche öffentliche Aufmerksamkeit und verschärfte Auflagen für Geothermie-Projekte in der Region.
In Staufen im Breisgau führte eine Geothermie-Bohrung 2007 zu einem ganz anderen Problem: Die Bohrung durchstieß eine Gipskeuper-Schicht. Eindringendes Wasser ließ den Gips aufquellen. Die Folge: Hebungen des Untergrunds, Risse in 217 Privathäusern und sieben städtischen Gebäuden. Der Schaden beläuft sich auf mehrere Dutzend Millionen Euro. Technisch handelt es sich nicht um ein Erdbeben, doch das Beispiel zeigt, wie empfindlich der Untergrund auf Bohrungen reagieren kann.
Gasförderung in Niedersachsen
In Niedersachsen wurden Beben bis Magnitude 3,4 mit der Erdgasförderung in Verbindung gebracht. Die Landesregierung hat 2014 ein seismisches Überwachungsnetz eingerichtet. Seit dem Rückgang der inländischen Gasförderung nimmt auch die damit verbundene Seismizität ab.
11. Familienplan für den Erdbebenfall
Wenn ein Erdbeben eintrifft, können Familienmitglieder an verschiedenen Orten sein: Arbeit, Schule, Einkauf, Sportverein. Ein vorab vereinbarter Plan verhindert Chaos und unnötige Panik.
Was jetzt besprechen
- Treffpunkt 1: Vor dem Gebäude (wenn evakuiert)
- Treffpunkt 2: Etwas weiter weg (wenn Gebäude oder Straße gesperrt)
- Außenkontakt: Person außerhalb der Region, die alle anrufen
- Schule/Kita: Wer holt die Kinder ab? Wer ist Ersatzperson?
- Notfallnummern: Alle Familienmitglieder kennen die wichtigsten Nummern auswendig
- Haustiere: Wer kümmert sich? Wo ist die Transportbox?
Wichtige Nummern
- Notruf: 112
- Polizei: 110
- Giftnotruf: 030 19240
- NINA-App: Kostenlos, BBK-Warnungen, Push bei Erdbeben
- Lokaler Rundfunk: UKW-Frequenz Ihres Regionalradios bereithalten
- Versicherung: Hotline-Nummer Ihrer Elementarschadenversicherung
Erdbebenübung mit der Familie
In Japan und Kalifornien gehören Erdbebenübungen zum Alltag. Für Familien in deutschen Erdbebenregionen empfiehlt das BBK, mindestens einmal pro Jahr Drop-Cover-Hold-On mit allen Haushaltsmitgliedern zu üben. Kinder ab etwa 4 Jahren können die Übung spielerisch lernen. Wichtig: Auch den Notausgang im Dunkeln testen (abends, alle Lichter aus, nur Taschenlampe).
Ausführliche Familienplanung für den Krisenfall:
12. Häufige Fragen zu Erdbeben in Deutschland
▸Wo gibt es in Deutschland die meisten Erdbeben?
▸Was tun bei einem Erdbeben in der Wohnung?
▸Wie wahrscheinlich ist ein starkes Erdbeben in Deutschland?
▸Was ist der Türrahmen-Mythos bei Erdbeben?
▸Welche Schäden verursacht ein Erdbeben der Stärke 5 in Deutschland?
▸Was gehört in ein Notgepäck nach einem Erdbeben?
▸Wie messe ich die Stärke eines Erdbebens — was bedeutet Magnitude?
▸Was tun wenn man nach einem Erdbeben unter Trümmern eingeschlossen ist?
▸Zahlt die Versicherung bei Erdbebenschäden in Deutschland?
▸Können Geothermie-Bohrungen Erdbeben in Deutschland auslösen?
Weiterlesen zur Krisenvorsorge
Quellen
- BGR — Erdbebengefährdungsanalysen Deutschland
- BBK — Warnung und Vorsorge
- GFZ Potsdam — GEOFON Earthquake Information Service
- GFZ Potsdam — Erdbebenzonenabfrage DIN EN 1998-1
- Landeserdbebendienst Baden-Württemberg (LED-BW)
- Hessischer Erdbebendienst (HED) — Jahresbericht 2025
- Earthquake Country Alliance — Drop, Cover, Hold On
- Erdbeben von Roermond 1992 — Schadensbilanz und Hintergründe
- bauingenieur24 — Eurocode 8, Nationaler Anhang 2023
- Elementarschadenversicherung — Kommt die Pflicht 2026?
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